"Selbstoptimierung" als Schutzwort gegen das schlechte Gewissen
Neulich hat mich eine (durchaus sympathische) Journalistin gefragt, ob das mit dem Slowager-Projekt undso nicht alles ein Zeichen meiner eigenen, persönlichen "midlife crisis" sei. Ich frage mich: Selbst wenn daran etwas Wahres sein sollte (ich möcht es nicht ausschließen), was wäre mit dieser "Abstempelung" gewonnen? Ich meine, selbst wenn es so wäre: Würde dies das Projekt entwerten?
Andere (auch da oft Journalisten) tun die Sache als "Selbstoptimierung" ab. Was diese inzwischen schon klischeehafte Reaktion betrifft, habe ich mir in meinem kleinen Essay "Lob des Unbequemen" ein paar Gedanken gemacht:
Wenn ich über gesunde Ernährung, Fasten oder Eisbäder spreche, dann werde ich oft mit dem Vorwurf der »Selbstoptimierung« konfrontiert. Dabei übersehen wir, dass das, was wir heute schnell als Optimierung bezeichnen, einst Alltag war: Bewegung, Fasten, Hitze und Kälte waren früher fester Bestandteil des Lebens. Wenn wir diese Elemente wieder in unseren gegenwärtigen Alltag zu integrieren versuchen, gleicht das nicht unbedingt einem Versuch, sich selbst zu optimieren – es kann auch darum gehen, wieder so etwas wie ein ursprüngliches Gleichgewicht herzustellen, das verloren gegangen ist. Tatsächlich ist unsere Komfortgesellschaft, die wir als normal empfinden, historisch gesehen gänzlich unnatürlich und ungewöhnlich. Gelegentliches Fasten ist etwas, das über Jahrhunderte vermutlich absolute Normalität bei unseren haarigen Vorfahren in der afrikanischen Ursavanne war, in der es, soviel man weiß, keine Supermärkte und keine Kühlschränke gab. Fasten ist zudem eine ehrwürdige Tradition, tief verankert in zahlreichen Religionen. Regelmäßige Bewegung (sprich Fitness) hat erstmal nichts mit Selbstoptimierung zu tun, sondern mit einer biologischen Normalität. Das, was wir als »gesunde Ernährung« bezeichnen, war die meiste Zeit unserer Geschichte schlichtweg die übliche Ernährung. Dahin bis zu einem gewissen Grad zurückzukehren, ist aus dieser Perspektive keine Selbstoptimierung, sondern eine Art von Normalisierung. Kälte und Hitze ausgesetzt zu sein, war seit eh und je Alltag für uns Menschen, erst wir modernen Zeitgenossen haben die Temperaturschwankungen weitgehend abgeschafft. Vor diesem Hintergrund ist es vielleicht gar nicht so verwunderlich, dass sich manche nach einem gelegentlichen Eisbad oder Saunagang »zurücksehnen«. Zweifellos kann man sagen, dass manche Biohacker ein bisschen gaga sind und bei ihrer 24/7-Gesundheitsoptimierungsroutine den einen oder anderen zwangsneurotischen Zug an den Tag legen. Mit gelungener Lebenskunst hat das nicht allzu viel zu tun. Aber »Selbstoptimierung« kann aus meiner Sicht auch als Schutzwort verwendet werden, mit dem man jene abtut, die sich bewusst unbequemen Gefühlen stellen zugunsten ihres langfristigen Wohlbefindens. Wer gesunde Ernährung oder ein Fitnessprogramm als »Selbstoptimierung« verspottet, hat womöglich sein schlechtes Gewissen beruhigt und fühlt sich vorübergehend besser, schadet sich selber aber auf Dauer, und insofern passt dieses Schutzwort gut in unsere Zeit.